Antrag Nr. 19/2026 zur Sitzung des Ortsbeirates am: Donnerstag, 10. September 2026
Umgang mit der Kurt-Hebach-Straße und der Gottfried-Dörr-Straße: Entscheidung nach öffentlicher Diskussion
Der Ortsbeirat wolle beschließen:
- 1.) Der Magistrat wird gebeten, die vorgesehene Kontextualisierung der Kurt-Hebach-Straße und der Gottfried-Dörr-Straße zunächst zurückzustellen, bis der Ortsbeirat Mainz-Kastel entschieden hat, ob er für eine oder beide Straßen eine Umbenennung anregen oder es bei der vorgesehenen Kontextualisierung belassen will.
- 2. Der Ortsbeirat spricht sich dafür aus, vor seiner abschließenden Entscheidung die Kasteler Öffentlichkeit sowie die unmittelbar betroffenen Anliegerinnen, Anlieger und Gewerbebetriebe einzubeziehen.
- 3. Der Ortsbeirat beabsichtigt, die abschließende Entscheidung bis spätestens Ende November 2026 zu treffen.
Begründung:
Band 17 der Schriftenreihe des Stadtarchivs Wiesbaden dokumentiert die Ergebnisse der Historischen Fachkommission zur Überprüfung nach Personen benannter Verkehrsflächen, Gebäude und Einrichtungen. Für eine Reihe von Straßennamen empfiehlt die Kommission eine Umbenennung; in zwölf Fällen empfiehlt sie eine historische Kontextualisierung durch zusätzliche, einheitlich gestaltete Hinweisschilder.
Im Ortsbezirk Mainz-Kastel betrifft dies die Kurt-Hebach-Straße und die Gottfried-Dörr-Straße. Die Stadtverordnetenversammlung hat die Kontextualisierung grundsätzlich auf den Weg gebracht. Für die beiden Kasteler Straßen soll der Ortsbeirat jedoch zunächst klären, ob die Namen beibehalten und erläutert oder ob Umbenennungen angeregt werden sollen.
Die Historische Fachkommission hat zu den Namensgebern unter anderem festgestellt:
Konrad, genannt Kurt Hebach, gehörte verschiedenen nationalsozialistischen Organisationen an, darunter NSDAP, SA, NSV und Reichskriegerbund. In der SA war er als Scharführer auch Funktionsträger. Im Spruchkammerverfahren nach dem Ende des Zweiten Weltkriegs wurde er als Mitläufer eingestuft und zu einem Sühnebetrag von 500 Reichsmark verurteilt (Schriftenreihe des Stadtarchivs Wiesbaden, Band 17, S. 173–175).
Gottfried Dörr war während der NS-Zeit Mitglied der „Nationalsozialistischen Volkswohlfahrt“ und dort als „Blockwart“ tätig. Außerdem gehörte er weiteren NS-Organisationen an. In seiner 1960 veröffentlichten Geschichte von Kastel reduzierte er die Verfolgung der Kasteler Jüdinnen und Juden während des Novemberpogroms 1938 auf die Aussage, „übereifrige SA-Männer“ hätten die Wohnungen der „wenigen Juden“ demoliert. Die Deportation und Ermordung von Menschen aus Kastel erwähnte er nicht (Schriftenreihe des Stadtarchivs Wiesbaden, Band 17, S. 162–165).
Diese Befunde rechtfertigen es, nicht ohne öffentliche Beratung bei Zusatzschildern stehen zu bleiben. Der Umgang mit den Straßennamen hat für den Ortsbezirk als politisches Signal eine besondere Bedeutung. Zugleich haben Straßenumbenennungen auch praktische Folgen für die an den Straßen anliegenden Grundstücke. Deshalb soll der Ortsbeirat seine Entscheidung erst nach einer öffentlichen Diskussion und nach Einbeziehung der unmittelbar betroffenen Anlieger treffen.
Als Anregung für die öffentliche Diskussion enthält die Anlage Vorschläge für mögliche neue Straßennamen, ohne damit einer Entscheidung des Ortsbeirats vorzugreifen.
Mainz-Kastel, den 30. August 2026
Ronny Maritzen
– Fraktionsvorsitzender –
Anlage zum Antrag Nr. 19/2026 zur Sitzung des Ortsbeirates am: Donnerstag, 10. September 2026
Umgang mit der Kurt-Hebach-Straße und der Gottfried-Dörr-Straße: Entscheidung nach öffentlicher Diskussion
Mögliche neue Straßennamen als Anregungen für die öffentliche Diskussion
Als erste Anregung für die Diskussion könnte die bisherige Gottfried-Dörr-Straße künftig Bauhaus-Straße heißen. Das 1919 gegründete Bauhaus wurde 1926 in Dessau wiedereröffnet; das von Walter Gropius entworfene Bauhausgebäude wurde im Dezember 1926 eingeweiht und gehört heute zum UNESCO-Welterbe. 1933 musste das Bauhaus unter dem Druck der Nationalsozialisten schließen.
Eine besondere Verbindung zu Kastel besteht über den hier geborenen Architekten Jean Krämer. Er leitete von 1908 bis 1918 das Atelier von Peter Behrens, in dem zeitweise auch Walter Gropius und Ludwig Mies van der Rohe arbeiteten. Zahlreiche Bauten Krämers stehen heute unter Denkmalschutz; eine Berliner Schule trägt seinen Namen. In der Gottfried-Dörr-Straße befindet sich bislang nur ein Gewerbebetrieb, dessen Unternehmensname ebenfalls Bauhaus lautet.
Als mögliche neue Bezeichnung für die Kurt-Hebach-Straße wird Metropolis-Straße zur Diskussion gestellt. Fritz Langs 1927 uraufgeführter Film Metropolis gilt als Meilenstein der Filmgeschichte. Er wurde 2001 als erster Film in das UNESCO-Weltdokumentenerbe aufgenommen. Die Friedrich-Wilhelm-Murnau-Stiftung mit Sitz in Wiesbaden hat den Film restauriert und später um wiederentdeckte Teile ergänzt. Der größte Gewerbebetrieb im Umfeld der Straße ist die an der Boelckestraße gelegene Metro; ihre Kundenzufahrt befindet sich in der Kurt-Hebach-Straße.
Diese Vorschläge sind Denkanstöße für die öffentliche Diskussion und keine Vorfestlegung des Ortsbeirats.
Ronny Maritzen,
Fraktionsvorsitzender